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Komische Oper BerlinKritiken

Berlin, Komische Oper, Gianni Schicchi – Herzog Blaubarts Burg – Ein Opernabend der Gegensätze, IOCO Kritik, 01.03.2015

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Gilberto Giardini
06. March 2015
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Komische Oper Berlin © IOCO
Komische Oper Berlin © IOCO

Komische Oper Berlin

Puccinis GIANNI SCHICCHI – HERZOG BLAUBARTS BURG von Bartók

Opernabend der Gegensätze

01.03.2015

Besiegelt durch großen Publikumszuspruch endete am letzten Sonntag an der Komischen Oper ein Premierenabend der Gegensätze. In ungewöhnlicher, jedoch durchaus interessanter Kombination, standen die zwei Einakter, Gianni Schicchi von Giacomo Puccini und Herzog Blaubarts Burg von Bela Bartók auf dem Programm – beide vom „Enfant terrible“ der Theater- und Opernregie, Calixto Bieito, inszeniert und unter der musikalischen Leitung des Generalmusikdirektors Henrik Nánási.

Obwohl so gegensätzlich, stilistisch wie auch in ihrer musikalischen Form, verbindet sie eine Gemeinsamkeit – beide handeln von menschlichen Abgründen. Während in Puccinis Werk, die Habgier und die verlogene Scheinheiligkeit auf komödiantische Weise vorgeführt wird, sind wir bei Bartóks Psychodrama mit den finsteren Seiten des Seelenlebens konfrontiert. Der Vorschlag es so zusammenzustellen kam vom Dirigenten selbst, der diese Variante bereits aus seinem Heimatland Ungarn kannte.

Den Anfang an diesem Abend macht Gianni Schicchi. Die Oper wurde 1918 an der Metropolitan Opera in New York City als Teil eines Triptychons neben zwei weiteren Einaktern von Puccini, „ Il tabarro “ und „Suor Angelica“ uraufgeführt. Die Handlung basiert auf dem Libretto von Giovacchino Forzano, welches seine Grundlage in einigen Versen aus dem Gesang des Inferno der Göttlichen Komödie von Dante hat.

Beim Öffnen des Vorhangs ist alles noch dunkel. Lediglich ein Monitor mit den letzten Herzschlägen des Sterbenden, gepaart mit leisem Schluchzen, ist wahrzunehmen.

Dann erhellt sich die Bühne. Wir sind in der Gegenwart – ein bezaubernd realistisch nachgebildetes Schlafzimmer wird sichtbar ( Bühnenbild von Rebecca Ringst ). Ein Zimmer, wie man es sich bei einem alten, allein lebenden, bürgerlichen Mann in Italien vorstellen kann – antike Möbel und Brokatvorhänge, alte Bilder und eingerahmte Fotos auf vergilbter Tapete, medizinische Geräte und Bettpfanne – alles ist dabei.

Eine Gruppe gieriger Verwandte hat sich um das Sterbebett ihres Familienoberhauptes geschart und wartet in scheinheiliger Anteilnahme auf sein Ableben. Als es dann soweit ist und sie sich stürmisch auf die Suche nach dem Testament machen, jeder in der Hoffnung ein großes Stück vom Erbe zu ergattern, müssen sie mit

Entsetzen feststellen, dass sie leer ausgehen und das gesamte Ver-mögen an ein Kloster vermacht wurde. Da tritt Gianni Schicchi ein und hat die ( anscheinend ) rettende Idee. So nimmt das Geschehen seinen weiteren Lauf.

Die stark karikierte, prollige und schrille Verwandtschaft (Kostüme   Ingo Krügler) bedient jedes Klischee und der derb-groteske Humor lässt die Figuren in der Gesamtheit der stark sexualisierten Inszenierung, leider anstatt witzig, meist nur platt erscheinen. Durch die geringe Spielfläche entsteht oft ein unruhiges Gewusel das den Eindruck auch nicht verbessert. Gesungen wird auf Italienisch – leider bei den meisten Sängern eher unverständlich.

Unter den Solisten, ein als Gianni Schicchi zu jung wirkender Günter Papendell, der trotz seiner angenehmen Baritonstimme nur wenig als Titelheld überzeugen kann.

Kim-Lillian Strebel als Lauretta, singt die bekannte Arie, O mio babbino caro, mit angenehm ausgeglichenem Sopran und gefällt. Ebenfalls wohlklingend Tansel Akzeybek als ihr Verlobter Rinuccio. Solide Leistung auch bei den restlichen Mitgliedern des typgerecht besetzten und spielfreudigen Sänger-Ensembles;  u. A. Christiane Oertel als alte Zita, Christoph Späth als Gherardon und Mirka Wagner als seine Frau, sowie Stefan Sevenich als geistig zurückgebliebener Betto.

Das zweite Stück dieses Doppelabends – Herzog Blaubarts Burg, von Bartók und seinem Librettisten Béla Balázs – ist ein Meisterwerk des Symbolismus und beruht auf dem gleichnamigem Märchen, das auch für zahlreiche andere Werke adaptiert wurde.

Es erzählt wie Judith, Blaubarts neueste Frau, ihm in seine Burg folgt und dort (zu seinem Widerwillen) in die verschiedenen Räume seiner Psyche eindringt. Tür für Tür, offenbaren sich ihr verstörende und schmerzhafte Einblicke in sein Seelenleben, bis sie selbst, im letzten Raum, hinter der letzten Tür, gemeinsam mit Blaubarts restlichen, verflossenen Ehefrauen endet.

Ohne Pause, fast nahtlos, geht es nach einem kurzen Applaus also weiter. Geschickt wird der Wechsel vom vorherigen Stück zum neuen Spielort vollzogen.

Herzog Blaubart tritt mit Judith in das bestehende Bühnenbild von Gianni Schicchi ein, worauf der Raum kurz darauf zu leben anfängt. Das Zimmer bricht in drei Segmente auseinander, die sich langsam voneinander weg bewegen, bis sie irgendwann ganz verschwunden sind.

Durch Versatzstücke und eine Fassade ersetzt, werden schnell neue Räumlichkeiten erschaffen (ein mit Alkoholflaschen vollgestelltes Wohnzimmer oder eine Toilette mit lauter Urinal Becken). Langsam bewegen sie sich auf der immerwährend rotierenden Drehbühne und bieten so immer neue Blickwinkel, mal vor und mal hinter die Kulisse. Packend führt uns Calixto Bieito mit seiner sexualisierten und blutdurchtränkten Inszenierung in die dunklen Abgründe der Protagonisten dieses Psychodramas und dokumentiert Schritt für Schritt deren seelischen Zerfall.

Es ist klar erkennbar, dass Bieito mit einem Psychodrama deutlich mehr anfangen kann, als mit einer Komödie. Schonungslos wie scham-los führt er seine beiden Sänger zu höchster darstellerischer Lei-stung.

Mit intensiver Ausdruckskraft ver-körpert der, in Israel geborene und in Süd-Afrika aufgewachsene, Bass- Bariton Gidon Saks den Blaubart.

Herausragend die litauische Sängerin Ausrine Stundyte als Judith, die insbesondere durch ihre eindringliche Darstellung aufrüttelt und ihren Sängerkollegen sogar noch über-strahlt. Dem katalanischen Regisseur und seinen beiden exzellenten Interpreten ist hier ein ergreifendes Stück Opern-theater gelungen.

Auch musikalisch steht Bartóks einzige Oper im kompletten Kontrast zu Puccinis Opera buffa.  Ebenfalls 1918 urauf-geführt, ist ihre Musik ausdrucksstark und dynamisch, unverkennbar durchsetzt von Elementen der ungarischen Volksmusik.

Hörbar besser ist hier auch das Dirigat von Nánási, woraus sich auch bei ihm auf eine größere Affinität zu Bartóks, als zu Puccinis Werk schließen lässt. Mit musikalischer Ausdrucksfülle lässt er Bartóks Klangräume der Seele ertönen, welche in immerfort steigernder Dramatik mit dem Geschehen auf der Bühne zu einem fesselnden Ganzen verschmelzen.

IOCO / G.G. / 01.03.2015

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